Der Bildermacher und seine Welten

Wer Mattheuers Wohnung kennt, die eng an eng gehangenen Gemälde, die Dichte und das Volumen, die Farbigkeit der Wände, wird eine stille Freude und aber auch Wehmut verspüren, wenn man die hinsichtlich der Anzahl der ausgestellten Gemälde durchaus als opulent zu bezeichnende Geburtstagsausstellung in der Leipziger Galerie Schwind besucht: Mit Ausnahme der Wandfarbigkeit erinnert die sogenannte Petersburger Hängung an das private Refugium und damit an die vielen Welten und Horizonte des am 7. April 1927 geborenen und am 7. April 2004 verstorbenen Bildermachers Wolfgang Mattheuer. Nach seinem Studium der Grafik in den Jahren 1947 bis 1951 an der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst wurde er dort 1953 Assistent und 1965 Professor, seit 1974 war er freischaffend tätig.

Die mit 65 Gemälden aus dem Nachlass ausgestattete Ausstellung überzeugt durch ihre Vielfalt und durch manche Rarität, die es zu entdecken gilt: Ein seltsamer Dialog entsteht zwischen »Kirchturm und Buche« (1989) und dem »Stilleben im Atelier« (2002), wo ein Bild-im-Bild-Effekt zu Tage tritt. Die rätselhafte Verknüpfung und Verschränkung der Symbole des ewigen und des natürlichen Lebens, die explizit in den Raum der Bilderschöpfungen geholt werden, stimmt nachdenklich.

In der Bedeutung leider bislang unterschätzt ist das »Nachtstück I« (1986), wo das Konterfei eines Mannes sich in der von Kerze und Halbmond erhellten Nacht in einer Glasscheibe spiegelt. Dazu ein düsterer See. Wolfgang Mattheuer bewegt sich hier in den großen Traditionslinien der Malerei, unweigerlich Anklänge evozierend an Rembrandts »Nachtwache«, Füsslis »Nachtmahr« und Böcklins »Toteninsel«. Oder ist es eine selbstverliebte Spiegelung eines Narcissus?

Schwebend wie Kosmonauten im All hat sich ein »Liebespaar« (1996) der Welt entrückt. Auch die klassischen Mattheuer-Landschaften fehlen nicht: »Bei Auerbach im Vogtland« (1960) und »Auch eine Rügenlandschaft« (1962), die allerdings weniger flächig, sondern ins Impressionistische verweisend, die lokalen Wetter- und Stimmungswechselphänomene mit dem Pinsel eingefangen hat. Selten zu sehen war bislang die farbgewaltige »Dichterlesung« (1981): Frauenköpfe, übergroß von hinten, dem Literaten lauschend, der traurig und brüchig erscheint.

Als Großformat sticht »Die große Konfusion« (1993) heraus, die zum Jahreswechsel 1995/96 in der Kustodie der Universität Leipzig ihren großen Auftritt hatte: Die Nachwende-Reflexion wie ein Bewusstseinsstrom mit alten und neuen Maskenmenschen. Das Wort hat der Ikarus, immer ein Weggefährte im Mattheuer'schen Weltbild, im Jahr 1996: Er erhebt sich wieder, zuvor gefallen mit seinen bunten Flügeln und dennoch die bedrohlichen neuen Wolkenmassen spürend.

Erwähnenswert ist die harmonische Hängung, die strukturierte Blickachsen durch die Bilderwelten ermöglicht.

Fazit: Eine würdige Werkschau. Nicht verpassen!

D. M.

Der Beitrag ist erschienen auf LEIPZIGS NEUE Seiten im Mai 2017