Trauma statt Tanz

Von Daniel Merbitz

Leipzig ist ein guter Ort für eine »Salome«-Inszenierung, hängt doch im hiesigen Museum der bildenden Künste das farbenfrohe, sinnlich-sündige Gemälde von Lovis Corinth. Richard Strauss (1864-1949) hat mit seiner »Salome« eine der ersten Literaturopern geschaffen, also ein Theaterstück – hier von Oscar Wilde - bearbeitet und vertont. Die Uraufführung der Oper im Jahr 1905 hat einen veritablen Skandal ausgelöst, denn die Femme fatale war seit dem Ende des 19. Jahrhunderts bis ins frühe 20. Jahrhundert eine Provokation. Die neue, selbständig denkende Frau wurde als männermordendes Weib in Kunst und Literatur ängstlich und zugleich wütend denunziert. In dieser Mischung aus sexueller Obsession und Machtfantasie liegt der Schlüssel zum Verständnis der »Salome«, umrahmt von flirrender Orientalik im schwülen Morgendunst der christlichen Antike, wie in der legendären Inszenierung von Joachim Herz aus dem Jahr 1989 gezeigt wurde, die bis weit in die 1990er Jahre im Spielplan der Semperoper überlebte. Die Leipziger Oper wählt einen anderen Ansatz: Regisseur Aron Stiehl spekuliert Kindesmissbrauch in Salomes Biographie hinein und erklärt damit ihren Wandel vom Opfer zur Täterin. Dieser gravierende Eingriff wird weder dem ernsten Thema gerecht noch ist es eine glaubhafte Motivation für Salomes Exzesse. Statt des Tanzes findet ein Maskenspiel statt: Trauma-Bewältigung durch Nachspielen. Die verzweifelte Suche des Regisseurs nach Skandalisierung führt zu einer Verwurstung eines schwierigen Themas und zur Reduzierung desselben auf ein dramaturgisch-illustrierendes Element sowie zum Ankratzen des Zaubers dieser Oper. Auch die übertriebene Ironie hinsichtlich des Liebesentflammens Salomes zu Jochanaan schadet.

Ulf Schirmer verlangt dem Orchester viel ab und bringt es vom frivolen Klarinettenlauf bis zum einsamen Schlussakkord durch die schwierige Partitur, höchste Gipfel erstürmend, wiewohl erstaunlicherweise die flirrende Weichheit der Dresdner Inszenierung von Joachim Herz nicht erreicht wird und eher noch eine Spur technokratische Unterkühltheit durchschimmert. Exzellent die philisterhaft aufblitzenden Hörner, wie Fanfaren zu Jochanaans Anklage.

Absolut überzeugend ist Elisabet Strid als Salome: Eine klare Stabilität gepaart mit einer süßlichen Sensibilität, voller Volumen. In Lederjacke und Stiefelletten, eine Rebellin gegen Elternhaus und Konventionen, eine Punkerin in der Antike und damit in geistiger Komplizenschaft zum Außenseiter Jochanaan.

Der plötzliche Tod von Rosalie (Bühne und Kostüme) wenige Tage vor der Premiere hat Haus und Publikum erschüttert. Endrik Wottrich ist unerwartet im April verstorben: der Tenor sollte die Partie des Herodes singen. Beiden ist die Inszenierung gewidmet.

Rosalie zeigt einen Hinterhof der Macht, der die Partylaune oben auf der blitzenden Terrasse kontrastiert, wo in Paillettenkleider und Maßanzügen gefeiert wird. Die marmornen Mauern des Palastes bergen unten ein Autowrack, wo Benzin ausläuft, und Holzpaletten herumliegen. Die Trennung und gleichzeitige Verschränkung beider Welten, konstruktivistisch und futuristisch gelöst, evoziert »Metropolis« von Fritz Lang.

Der Beitrag ist erschienen auf LEIPZIGS NEUE Seiten im Juli 2017