Europa

»Wie ist Europa konstruiert oder was sagt das EU-Grafik-Handbuch?« Collage: Daniel Merbitz

Schlaffes Blau, mit matten goldenen Sternen

Von Cornelius Luckner

Die Aufgabe, einen informativen Kommentar zu verfassen, an dessen Ende auch das noch gilt, was am Anfang steht, ist beim Brexit nicht einfach. Die – gefühlt – sechshundertachtundsiebzigste fundamentale Wendung in diesem dreieinhalbjährigen Trauerspiel produziert inzwischen ja einen solchen Wust an Unsicherheit bezüglich Termin und Inhalt, dass kaum ein Medium zwischen Redaktionsschluss und Erscheinen noch auf der Höhe der Zeit bleiben kann.

Ob jemals nachgerechnet wird, wie viel Energie für diesen Wahnsinn aufgewandt wurde, wie viele Beamtengehälter verpulvert wurden, um Papiere zu produzieren, die es zum Schluss über keine parlamentarische Hürde schafften, ist ungewiss. Schlimm genug bleibt aber, was in all den Monaten liegen geblieben ist, weil der Brexit in der EU alle anderen Themen erstickte. Die Stichworte Sozialstandards, Bildung, Technologie und internationaler Handel mögen genügen – von der Schönwetterwährung Euro ganz zu schweigen. Vor einem halben Jahr wurden die Zukunftsprojekte ja wenigstens salbungsvoll aufgerufen, als es galt, das Europaparlament zu wählen. Und was kam dann?

Flinten-Uschi, die an sämtlichen Fronten kläglich gescheiterte deutsche »Verteidigungs«-Ministerin, die anstelle einer bedingungslosen Kapitulation mit dem Vorsitz der EU-Kommission, für den sie nie kandidiert hatte, belohnt wurde, Macrons Euro-Budget, von dem niemand weiß, wozu es dienen soll, und Brexit, Brexit, Brexit. Haben die europäischen Bürger für solch eine Tagesordnung und soviel Kaltschnäuzigkeit gestimmt?

Was waren das im Herbst 1989 doch für Zeiten, als neben dem Gewandhaus allein die Europaflagge wehte. Dunkelblau mit goldenen Sternen – ein stolzes Sehnsuchtssymbol. Dass ein Jahr später die Leipziger und alle Ostdeutschen quasi im Paket Bundes- und EG/EU-Bürger wurden, konnte mitten im Umbruch niemand ahnen. Und kaum jemand erinnerte am 9. Oktober 2019 im Gewandhaus vor einer geladenen Gästeschar an den europäischen Impuls des 89er Herbstes – was letztlich wiederum nicht verwundert, denn es blieben während des Festakts ja sogar die Namen der maßgeblichen Leipziger Akteure aus dem Herbst 1989 unerwähnt – einschließlich Kurt Masur. Die Unbeteiligten, später Hinzugekommenen, waren am historischen Ort eben weitgehend unter sich. Selbst nach dem obligatorischen Postieren der – diesmal ökologisch unbedenklichen – Kerzen auf dem Augustusplatz verzichtete OBM Burkhard Jung darauf, wenigstens ein kurzes Stück des Demonstrationszuges um den Ring zurückzulegen, über den er bei jeder sich bietenden Gelegenheit im Stil eines Dabeigewesenen mit andächtig gesenkter Stimme möglichst einnehmend spricht. Der Nieselregen hatte jeglichen »revolutionären« Gedenk-Elan beiseite gespült.

Nur, wer damals wirklich dabei war, wird die ostdeutsche Europa-Sehnsucht von 1989 nachvollziehen können. Und nur dann erschließt sich auch die ganze Wut und Enttäuschung über eine neue deutsche »Verteidigungs«-Ministerin, der in ihrem unstillbaren Profilierungswahn im Herbst 2019 nichts Absurderes einfällt, als aufmunitionierte Bundeswehrtruppen nach Nordsyrien zur Bewachung einer imaginierten »Sicherheitszone« schicken zu wollen. Mit wessen Mandat eigentlich? Seitens der UNO? Oder der NATO? Oder vielleicht doch einer EU mit seltsamen Weltmachtambitionen? Nur zur Erinnerung: Die EU war Trägerin des Friedensnobelpreises des Jahrgangs 2012. Was ist daraus nur geworden vor lauter Brexit und militärischem Gehabe?! Würde heutzutage die Europaflagge am Gewandhaus aufgezogen – sie hinge dort schlaff und mit stumpfen goldenen Sternen.

Der Beitrag ist erschienen auf LEIPZIGS NEUE Seiten im November 2019