Flüchtlinge nach ihrer Ankunft auf dem Gelände der früheren DHfK

Foto: Ralf Fiebelkorn

»Ei was, du Rotkopf«, sagte der Esel …

»zieh lieber mit uns fort, wir gehen nach Bremen, etwas Besseres als den Tod findest du überall.« Ein Gedanke aus dem 27. Märchen der Brüder Grimm

»Die Bremer Stadtmusikanten«. D i e s e alte Geschichte einer Flucht kam mir jetzt erneut ins Gedächtnis.

Wohl wissend, durch eine andere Flucht, in den Medien verbreitet, dass im Jahr 2015 der schicksalsschwere Gedanke … »etwas Besseres als den Tod findest du überall« längst nicht mehr für jeden stimmt. Beispielsweise für den kleinen Jungen, der sein künftiges Leben nicht mehr meistern kann, weil er vor Tagen ertrunken an den Strand gespült wurde.

Nicht nur die »Bremer Stadtmusikanten« machen die Erfahrung, was es bedeutet, sich im Leben neu zurechtzufinden. Wir alle werden es in diesen Tagen, in den nächsten Jahren erlernen müssen. In Deutschland, in Europa. Die Welt verändert sich ... mit allen Widersprüchlichkeiten ... und mit Chancen.

mic

Auf der Flucht – Ankunft in 04109 Leipzig

Notizen, in Bild und Wort, entlang der Leipziger Jahnallee

Leipziger Sportler müssen sich vorübergehend nach neuen Trainingsorten umsehen. In der Ernst-Grube-Sporthalle sollen bis zu 500 Flüchtlinge untergebracht werden. Das teilte die Landesdirektion Sachsen mit. Die Entscheidung fiel schnell: Behördenvertreter hatten sich die Halle angesehen, um zu klären, ob sie als Notunterkunft infrage kommt.

Mit Stand von Sonntagmittag, am 16. August, sind 104 Flüchtlinge in der Ernst-Grube-Halle eingetroffen, so Julian Rossig, Pressesprecher der Johanniter Leipzig. Darunter bislang neun Minderjährige, und sechs Frauen. Wie sich weitere Ankünfte gestalten, kann zur Zeit niemand sagen.

Viel Komfort erwartet die Asylsuchenden in der Sporthalle an der Jahnallee nicht: Dicht an dicht stehen bald dort die Feldbetten. Die Entscheidung, die Halle als Notunterkunft zu nutzen, fiel in Windeseile: Nach einer Besichtigung stand innerhalb weniger Stunden fest, dass sie als Notunterkunft hergerichtet wird. Die Journalisten knien vor den Verantwortlichen und Entscheidungsfindern aus Universität, Polizei und Landesregierung.

Die Hilfsbereitschaft unter den Leipzigern ist sehr groß gegenüber den Flüchtlingen, die in der Ernst-Grube-Halle untergebracht werden. Über die Möglichkeiten, wie und wie nicht geholfen werden soll, informierten die Johanniter und der Flüchtlingsrat Leipzig e.V. in der Stadtbibliothek. Ein Angebot, welches circa 300 Bürger wahrnahmen.

Freude in der Leipziger Ernst-Grube-Halle: Eine syrische Asylbewerberin, die seit Mitte August in der Erstunterkunft wohnt, hat dort ein Baby zur Welt gebracht. »Die Frau hat einen gesunden und properen Jungen geboren«, sagte Lars Menzel, Mitarbeiter des Unterkunftsbetreibers Johanniter.

LN-Fotograf Gerd Eiltzer traf zweimal auf ein kleines Mädchen im Lila-T-Shirt. Er durfte es fotografieren. Einmal ohne und einmal mit Puppe, die er ihm zuvor schenkte. Vor Aufregung hält die Puppenmutti dem »Kind« gleich mal die Augen zu.

Da bilden sich vormittags Schlangen vor einem Telefongeschäft in der Jahnallee. Sonst ist es dort eher leer und ruhig. Nach dem Grund braucht man nicht lange fragen: die Ankömmlinge wollen ihre Technik in Ordnung bringen lassen, damit sie nach Hause ungestört kommunizieren können.

An einem Sonntagvormittag fließt in vielen Wohnungen im Waldstraßenviertel kein Wasser aus der Wand. Rohrbruch auf der Straße. Den einen oder anderen bewegt die Frage, was machen wohl diejenigen, die an diesen inzwischen selbstverständlichen Luxus nicht gewöhnt sind.

Einkaufen auf dem Multi-Kulti-Markt vor dem Stadion. Unweit der Grube-Halle gibt es viel schmackhaftes Obst und andere preiswerte Dinge. Man erkennt die Leipziger auf Zeit an ihren roten Armgelenkbändern.

Das Wetter meint es gut. Die Wiese unterhalb der Grube-Halle ermöglicht ein Familienleben in der Fremde. Wir dürfen fotografieren.

Asylbewerber und Geduldete sollen nach dem Leipziger Wohnkonzept für Flüchtlinge so schnell wie möglich in eine eigene Wohnung außerhalb einer Gemeinschaftsunterkunft ziehen können. Nach der Ankunft in Leipzig bieten Gemeinschaftsunterkünfte einen geschützten Raum und begleiten die Orientierung und Integration. Die Standorte der Leipziger Flüchtlingsunterkünfte sind über die Stadt verteilt.

Pressekonferenz in der Ernst-Grube-Halle Treffen am Ufer des Elsterflutbeckens Sport am Ufer des Elsterflutbeckens Mit der geschenkten Puppe Picknick am Ufer des Elsterflutbeckens

Fotos: Gerd Eiltzer

Der Beitrag ist erschienen in LEIPZIGS NEUE, Ausgabe September 2015

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