Diktatur statt Sozialismus

Von E. Hexelschneider

Jörn Schütrumpf (1956*) zählt heute gewiss zu den wichtigsten deutschen Historikern, die sich mit den Beziehungen zwischen der deutschen und russischen Revolution und ihrer führenden Repräsentanten im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts intensiv beschäftigen. Eine respektable Publikationsliste weist ihn nicht nur als Kenner der Literatur von und über Rosa Luxemburg aus, sondern auch als kompetenten Verfasser von Biografien über Angelica Balabanoff, Paul Levi, Jenny Marx und andere sowie als Verleger und Editor vergessener, seltener oder auch entlegener sozialistischer Schriften aus, die zumeist im Karl Dietz Verlag Berlin erschienen sind.

Der vorliegende Band besticht durch seinen großen, nur wenigen Experten in extenso bekannten Materialfundus. Als Grundlage dienen dabei bisher kaum bekannte Quellen, die lange Zeit als verschollen galten, wie der 18. Jahrgang des Stuttgarter »Sozialdemokraten«, die 1917 und 1918 erschienene »Sozialistische Auslandspolitik« und andere seltene Materialien. Das sorgfältig recherchierte Quellenmaterial hebt die Textsammlung aus einer der üblichen Anthologien mit bereits bekannten Materialien heraus. Ansonsten bietet die Darstellung durchweg kleinere Notate, Nachrichten und Presseausschnitte, die in ihrer Unmittelbarkeit und Lebhaftigkeit ein prächtiges Zeitbild vermitteln: die wechselnde politische Position deutscher, russischer, polnischer und anderer Revolutionäre und verschiedenster sozialistischer Gruppierungen, die noch gründlicherer Untersuchungen bedürfen. Der Editor spricht gelegentlich von »ungewöhnlichen Frontverläufen«, die sich in diesen Presseerzeugnissen widerspiegeln. Er begnügt sich mit einer äußerst knapp gehaltenen »Vorbemerkung« und einem resümierenden Abschnitt unter der Überschrift »Zankapfel Bolschewiki« (S. 441-448), wo man Näheres über Schütrumpfs Position zu einzelnen Gruppierungen und zu ihren eigenen Aussagen erfahren kann. Neben den eigentlichen Textkörper tritt ein genau gearbeiteter, überaus umfangreicher Anmerkungsapparat, was dem Leser das unabdingbare Hintergrundwissen vermittelt (auf die Gefahr hin, dass man beim Lesen nur sehr langsam vorankommt.)

Schütrumpf gliedert sein Material folgendermaßen. An den Prolog, den er zeitlich um das Jahr 1921 gruppiert und der sich inhaltlich mit der Auseinandersetzung um Rosa Luxemburgs Fragment »Die Russische Revolution« innerhalb der sozialistischen und kommunistischen Bewegung befasst, schließt sich der Kern des Buches mit dem Abschnitt »Pro und contra BOLSCHEWIKI 1917/18« und dem Untertitel »Vergessene Lektüren« an.

Jörn Schütrumpf (Hrsg.) Diktatur statt Sozialismus. Die russische Revolution und die deutsche Linke 1917/18. Karl Dietz Verlag Berlin 2017. 463 Seiten. ISBN 978-3-320-02331-7 . 29.90 EURO.

Der Beitrag ist erschienen auf LEIPZIGS NEUE Seiten im Juli 2017