Lenin: Staat und Revolution

Das »blaue Heft«

Totgesagte leben länger

Kritische Neuausgabe von Lenins »Der Marxismus über den Staat« und »Staat und Revolution« setzt Maßstäbe / Von Wulf Skaun

Wladimir Iljitsch Lenin: Mit dem Scheitern seines praktizierten Sozialismusmodells im Stil der »Jakobiner-Herrschaft« (Rosa Luxemburg) hat ihn politischer Mainstream linker und rechter Provenienz auch als Gesellschaftstheoretiker für weitgehend erledigt erklärt. Doch Totgesagte leben länger, wie an der neuesten Marx-Renaissance zu lernen ist. »Lenin ist alles andere als ein toter Hund«, hatten Volker Külow und Wladislaw Hedeler denn auch bereits 2016 erklärt, als sie im Berliner Verlag 8. Mai ihre Kritische Neuausgabe von dessen Imperialismusanalyse publizierten. Die inzwischen erschienene zweite Auflage scheint den Autoren recht zu geben und die Prophezeiung des ausgewiesenen Kommunismus- und Sozialismusforschers Klaus Kinner zu bestätigen: »Mit diesem Buch ist eine neue Stufe der Lenin-Edition erreicht. Es wird künftig keine Ausgaben von Werken Lenins geben, die an dieser Schrift vorbeigehen können.«

Nun haben Wladislaw Hedeler und Volker Külow gemeinsam mit Manfred Neuhaus die Auszüge, die Lenin 1916/1917 im Schweizer Exil zum Generalthema »Der Marxismus über den Staat« in seinem berühmten »blauen Heft« notiert hat, und das auf dieser Materialgrundlage im Spätsommer 1917 in der Illegalität verfasste Werk »Staat und Revolution« in einer weiteren Kritischen Neuausgabe vorgelegt. Die Darbietung und Kommentierung von Nikolai Bucharins Rezension zu »Staat und Revolution«, der Replik des Autors auf die Besprechung und Julius Martows Studie »Marx und das Problem der Diktatur des Proletariats« sollen die Einbettung des Werkes in die zeitgenössischen staats- und revolutionstheoretischen Diskurse erleichtern.

Es bedarf keiner hellseherischen Fähigkeiten, um Kinners Urteil nun erst recht auf die bereits zweite Kritische Neuausgabe auszuweiten, in die Neuhaus editionswissenschaftliches Know-how der Marx-Engels-Gesamtausgabe (MEGA) einbrachte. Das heißt zuallererst und vor allem ein nach editionsphilologischen Maximen dargebotener und sorgfältig kommentierter Text jenseits angemaßter parteipolitischer Deutungshoheit. Aufwändige Recherchen in russischen und Schweizer Archiven und Bibliotheken schufen die faktuelle Grundlage, um die Geschichte der Entstehung und Veröffentlichung des Werkes sowie den Personenkreis, mit dem Lenin dabei in Verbindung stand, auf einer gesicherten Quellenbasis darzustellen. Das alles ist neu, leserfreundlich und erlaubt einen bisher so nicht möglichen Einblick in Lenins Schaffensprozess. Das gilt vor allem für die textgenetischen Beziehungen zwischen »Marxismus über den Staat« in »Staat und Revolution«. Mit diakritischen Zeichen wird akribisch dokumentiert, welche in »Marxismus über den Staat« exzerpierten Textpassagen aus Briefen und Werken von Marx und Engels Lenin in »Staat und Revolution« übernommen hat. Selten besitzt dieser oft unterschätzte Bestandteil wissenschaftlicher Arbeiten eine so eigenständig erkenntnisfördernde Funktion wie im vorliegenden Band.

Um nur ein Beispiel zu nennen: In einer vielzitierten Passage seines Werks erwähnt Lenin, ein »geistreicher deutscher Sozialdemokrat der siebziger Jahre des vorigen Jahrhunderts bezeichnete die Post als Muster sozialistischer Wirtschaft« (S. 204). Über 100 Jahre blieb im Dunkeln, auf wen er sich bezogen hatte, ehe den Herausgebern der Nachweis gelang, dass er Wilhelm Bracke, den Adressaten von Marxens Gothaer Programmkritik, einen der engsten Mitstreiter August Bebels, indirekt zitiert. Die brillanten Essays von Hermann Klenner und Wolfgang Küttler setzen zusätzliche Glanzlichter. Schließlich: Ohne Daniel Neuhaus’ Meisterschaft würde es das Buch in der vorliegenden gediegenen typografischen Gestalt nicht geben.

Summa summarum: Die inhaltlichen, methodologischen und editorischen Innovationen, die die Kritische Neuausgabe von »Der Marxismus über den Staat« und »Staat und Revolution« auszeichnen, machen diese zur Pflichtlektüre für alle an Gesellschafts- und Politiktheorie Interessierten.

Wladimir Iljitsch Lenin »Staat und Revolution«. Verlag 8. Mai Berlin 2019. 484 Seiten. 24,90 Euro. ISBN 9783931745240

Der Beitrag ist erschienen auf LEIPZIGS NEUE Seiten im Juni 2019