Flintenweiber

Flintenweiber ... schimpften die Nazis jene Parti­saninnen und Soldatinnen der Roten Armee, die mit der Waffe in der Hand ihr Land und auch das unsere von eben diesen Nazis befreiten und nicht selten dabei ihr Leben lassen mussten.

Nein, diese Deutung läßt sich weder auf die amtierende Kriegsministerin, noch auf die ge­schäftsführende Regierungserklärerin anwenden. Allein schon deshalb nicht, weil sie kein Land befreien und schon gar keine Waffe in die eigenen Hände nehmen wollen, sondern dies eher an ihre Schutzbefohlenen delegieren. Der Duden indes definiert den Begriff – auf die heutige Zeit bezogen – auch mit »Frau, deren kompromissloses Auftreten und übersteigertes Selbstbewusstsein als unange­nehm empfunden werden«. Und landet dabei (um im Wortbild zu bleiben) einen Volltreffer.

Die neue adlige Kommandeuse aus Hannover führte sich vor der Öffentlichkeit nicht ungeschickt in die todbringende Befehlszentrale ein. Zunächst ein Besuch der kämpfenden Truppe in Afghanistan, inklusive gemeinsamem Frühstück unter Lebenden und Gedenken an die Toten (beides vor Ort) ­geschenkt, Pflichtprogramm, da kommt man nicht drum rum. Hauptsache, die Frisur hält.

Dann der, tschingderassa, bummderassa, geniale Einfall: die Wehrmacht muss familienfreundlicher werden! Und alle fielen darauf rein: der Mainstream hechelte, wie nicht anders zu erwarten, uneinge­schränkte Zustimmung und überschlug sich in Lobeshymnen und Tätärä. Wenn Mutti mit der Waffe wütet, wird's Kindlein dennoch gut behütet.

Doch gerade auch die Linken verflogen sich in hämisch­höhnischen Kommentaren und merkten erst zu spät, dass die Diskussion um tarnfarbene Windeln nur ein geschickt eingefädeltes strategi­sches Ablenkungsmanöver war. In Vorbereitung der Sicherheitskonferenz in München (BLÖD­-Zeitung: von der Leyen und Kerry lächeln den NSA-­Ärger weg) soll auch die noch nicht beglückte Welt endlich am deutschen Wesen genesen. Will sagen: Panzer rollen in Afrika vor. Oder sonstwo auf dem Erden­rund, mal sehen, wo sich's noch zündeln läßt.

Und die üblichen Verdächtigen jubeln Dacapo: der kongeniale Sozi Steinmeier konstatiert, es werde »zu Recht von uns erwartet, dass wir uns einmischen« und will, klaro, militärische Mittel nicht »aus dem Den­ken verbannen«. Wir kennen keine Parteien mehr.

Natürlich mischt sich auch das präsidiale Pfäfflein aus dem Schloß Bellevue ein und segnet im vorauseilenden Gehorsam schon mal die Waffen. Mit bestem Wissen und Gewissen, versteht sich. Das, gelinde gesagt, etwas krause Verständnis von Freiheit dieses Herrn ist ja inzwi­schen hinlänglich bekannt.

Da ist die kriegführende Herrin schon ehrlicher und lässt, ganz in der Tradition des Altbundespräsi­denten Köhler (Horsti), schon mal das wirtschaftli­che Augenmerk der regierenden Mafia raushängen. Es gilt, die Interessen der ehemaligen Kolonial­macht Frankreich zu unterstützen und damit, ganz nebenbei, die eigenen geopolitischen Ziele nicht zu vernachlässigen Denn: wer zu spät kommt, den bestraft das Leben, kennt man ja.

Also wird demnächst wieder einmal deutscher Soldatenschweiß familienfreundlich unterm Stahl­helm in den Kampfanzug tropfen. Wie einst, Lili Marleen ...

Die andere als »unangenehm empfundene« (siehe oben: Flintenweib) Amtsinhaberin hat derweil mit »furioser agitatorischer Wucht« einen »rhetorischen Tornado« (Martin Buchholz) losgetreten, der die Glaskuppel des Reichstagsgebäudes beschlagen ließ. Wer es versäumt hatte oder eingeschlafen war, sei getröstet: gesagt hat sie nichts. Das übliche inhaltsleere Geschwätz eben, aus Sprechblasen und Traumschnipseln zusammengekleistert. Was muss das für ein desperater Haufen sein, der sich in die­ser Weise dem Volke erklärt?

Bliebe noch vom Henkel Frank zu berichten, sei­nes Zeichens Berliner Innensenator (CDU), muss man aber nicht kennen. Schon wieder ein V­-Mann aus dem Umfeld der Nazimörder Mundlos, Böhn­hardt und Zschäpe, den er der Öffentlichkeit vor­enthalten hat. Zudem sollen Frankies Beamte vom Horch & Guck dem rechtsradikalen Spitzelbuben nachdrücklich geraten haben, die Verbindungen mit dem NSU mal besser nicht auszuplaudern. Der eigenen Sicherheit wegen. Und der des christlichen Vertuschungssenators natürlich, im Westen nichts Neues. Wie bitte? Nein, sonst ist nichts Wesentli­ches vorgefallen.

Der Beitrag ist erschienen in LEIPZIGS NEUE, Ausgabe -2014

Aktualisiert am 6. Juni 2014 LEIPZIGS NEUE • StartseiteKontaktImpressum