Eine große Zeit

Zugegeben, das hat er zum Abschluß ja noch mal ganz fein hingekriegt. Mitten­drin im schönsten Umfragetief seiner Bürgermeisterkarriere schmeißt Klaus Wowereit den Bettel hin. Und beweist damit zumindest eins: dass die Engländer keineswegs das Mono­pol auf Schwarzen Humor haben. Es geht immer noch schwärzer. Kaum hat der Paradiesvogel den 11. Dezember zur Deadline erklärt, werfen die derzeit beiden begabtesten Olsenbande­-Imi­tatoren ihre Bewerbungen in den Ring, dass es selbst Monty Python mit Schmackes auf die Bretter knallt. SPD­-Fraktionsvorsitzender Raed Saleh (Ich hab einen Plan) und Landesvorsitzen­der Jan Stöß (Menno, ich auch) wollen im Rausch der eigenen Überschätzung den Thron besteigen, an dem sie bisher lediglich nagen durften. Worauf man nur mit Innbrunst wün­schen kann: Möge dieser Kelch an der Stadt und ihren Bürgern vorübergehen.

Doch immer, wenn du denkst, es geht nicht mehr, kommt von irgendwo ein Lichtlein her. Und zwar in Gestalt des kleinsten aller größeren Übel. In Gestalt von Stadtentwicklungssenator Michael Müller, ein treuer Parteisoldat, einst als Kronprinz gehandelt, dann abgesägt, nun wieder auferstan­den. Die SPD­-Mitglieder entscheiden. Im Interesse Berlins möchte man es ihm wünschen, denn von den drei Kandidaten hat er die größeren Chancen bei den nächsten Wahlen einen Regierenden Bür­germeister Frank Henkel, CDU, zu verhindern. Den kann ja nun, außer Henkel selbst, wirklich kei­ner wollen. Dann lieber Dieter Hallervorden.

Doch Spaß beiseite. Man muss sich nur einmal vor Augen führen, was für ein Chaos in den Köpfen der Mitglieder dieses rot­-schwarzen Senats fröhli­che Urständ feiert. Jüngstes Beispiel von vielen anderen Wirrnissen: Berlin soll Olympia wollen. Mit ca. 60 Millionen Euro allein für die Bewerbung und einem unbekannten Milliardenbetrag dann für die Ausrichtung der Spiele selbst. Ja geht's noch?, tippt sich der normal denkende Durchschnittsberli­ner mit dem Zeigefinger an die Stirn. In vielen Schulen der Stadt rauscht der Regen durchs Dach, blättern Putz und Farbe von den Wänden, sind die Toiletten in einem Zustand, der sie unbenutzbar macht. Für die Behebung dieser Missstände ist das Geld selbstverständlich nicht da, statt dessen wol­len die Urheber der Wahnsinnsidee Olympia ihre Häupter mit den Lorbeeren der Eitelkeit bekrän­zen. Zumal die Stadtväter und ­-mütter in der Ver­gangenheit ihre Befähigung zur Durchführung von Großprojekten schmerzhaft hinlänglich unter Be­weis gestellt haben. Devise: Augen zu und durch, schuld sind immer die anderen.

Seh'n se, das ist Berlin ...

Es ist schon eine Schlagzeile wert: Bundes­deutschlands oberste Berufsvertriebene Erika (schwarzbraun ist die Haselnuss) Steinbach verleiht der »verehrten Frau Bundes­kanzlerin« eine eigens für sie geschaffene »Ehrenplakette in Gold« als Dank für Merkels besondere Verdienste um die Belange der Vertrie­benen. Die beiden haben sich, bis auf einige klei­nere Scharmützel, immer ausgezeichnet verstan­den. Folgerichtig zeigt die Schwarze Frau das unförmige Ding schief grinsend in die Kamera und hält eine artige Dankesrede mit dem Schwer­punkt Ukraine, was denn sonst.

Zur Erinnerung sei angefügt: Frau Steinbach war's, die einst dem polnischen Deutschlandbeauf­tragten Bartoszewski einen »schlechten Charakter« attestierte und die NSDAP eine »linke Partei« nannte. In Bezug auf die blonde Kommandeuse der Ewiggestrigen kommt einem die Bezeichnung »erzkonservativ« eher verharmlosend vor. Aber was soll's, »die verehrte Frau Bundeskanzlerin« wird schon wissen, mit welchen Freunden sie sich umgibt. Alt genug ist sie ja.

Dennoch könnte man meinen, das Geplärre und Gezeter der Heimatlosen von Rechtsaußen müsste mittlerweile auf natürlich biologische Art ver­stummt sein. Aber weit gefehlt. Nachfolger Stein­bachs im Amt des Obervertriebenen wird der CSU-Mann Bernd-­Bernhard Fabritius, 49 Jahre, Sieben­bürger Sachse. Im Jahre des Herrn 1984 sind seine Eltern aus Rumänien zwar nicht vertrieben worden, aber immerhin ausgewandert. Aber das ist sicher nur ein unbedeutender Unterschied. Wer Vertriebe­ner ist, bestimmt immer noch der Vertriebene selbst. Und außerdem, wie Frau Steinbach dazu sehr rich­tig bemerkte: »Ich muss kein Wal sein, um die Wale zu retten.« Also, ehemalige Ostgebiete: die Vertriebenen kommen, ehe es der Russe tut.

Achten Sie auf ihr Handgepäck!

Der Beitrag ist erschienen in LEIPZIGS NEUE, Ausgabe September 2014

Aktualisiert am 5. September 2014 LEIPZIGS NEUE • StartseiteKontaktImpressum