Die kurzen Beine der Regierenden

Mal ehrlich, hochgeschätzter Leser, war es nicht wieder zum Schenkelklopfen, das Satireprogramm zu Weihnachten und Neujahr? Neues aus der Anstalt: Was haben wir gelacht. Zu Weihnachten erfolgte traditionell der Auftritt des salbadernden Feldpredigers mit der gespaltenen Zunge. Frieden auf Erden sei in diesen Zeiten besonders dringlich, säuselt es uns in warmen Farben und sonorem Timbre aus dem Flachbildschirm entgegen. Und: »Wo wir dazu beitragen können, dass Frieden erhalten oder gestiftet, dass Leid gelindert und eine bessere Zukunft gebaut werden kann, sollten wir alles tun, was in unserer Macht steht.«

Und was steht in »unserer Macht«? Natürlich der Waffenexport in aller Herren Länder, im Namen des Friedens und der Demokratie sowieso. Ratatatata ich bin ein Panzer der bundesdeutschen Friedenswehrmacht. Mehr Engagement im Ausland, mehr Heckler & Koch zur Sicherung der deutschen Interessen. Das macht Spaß, lindert das Leid derjenigen, die daran verdienen und sichert ihnen eine bessere Zukunft. So wird eine Rakete, pardon: ein Schuh draus. Der kreidefressende Wolf hätte nicht besser zu Rotkäppchen sprechen können, fürwahr.

Wenden wir uns dem Jahresende zu. Waren Drogen im Spiel, als die Vorsitzende der Schwarzen Null mit weit aufgerissenen Augen und zuckendem Medusenhaupt (zu Stein erstarrt der Koalitionär, der sie erblicket) ihre schlichte Version des Weltgeschehens zum Besten gab. »In Europa wurden erstmals durch Russland die Grundlagen der Friedensordnung in Frage gestellt«. Da haben wir's wieder. Und ich dachte immer, die Amerikaner hätten genau diese Friedensordnung als einer der Ersten gebrochen, als sie 1998 die Loslösung des Kosovo von Serbien bombastisch und mit Splitterbomben auf Flüchtlingskolonnen betrieben haben. So kann man sich irren. Na immerhin weiß ich jetzt, wer schuld ist, wenn in Templin, Gott behüte, eine Dachschindel vom Pfarrhaus fällt.

Doch lange nicht genug der Lachgeschichten. Dass wir keine neuen Schulden und somit Schluss machen können mit dem Leben auf Pump, schallt es uns entgegen. Eine gute, nein, die beste aller Botschaften. Hartz IV, zunehmender Armut und steigenden Obdachlosenzahlen zum Trotz.

Natürlich darf auch der Dank an »unsere« Soldaten nicht fehlen, die »hier wie anderswo in der Welt ihr Leben für uns einsetzen.« Auf Kosten der Leben anderer, versteht sich. So ist das nun mal, des einen Freud', des anderen Leid. Ätsch bätsch. Ist es nun Dummheit oder sind es dreiste Lügen, die diese Frau unters Volk streut? Ich tippe auf Letzteres.

Zurück in die Hauptstadt unseres friedliebenden Landes. Auch der neue Regierende Bürgermeister Michael Müller durfte erstmalig in die televisionäre Bütt steigen und seinen (vorläufigen) Satiregipfel erklimmen. Die Veronica Ferres der Berliner SPD tat dies starren Blicks auf den Teleprompter ohne jede Betonung, Regung oder Mimik, ganz dem weiblichen Vorbild entsprechend. Aber egal, Buster Keaton schaute genauso bescheuert in die Kamera. Auf die Inhalte kommt es an. Und die hatten es in sich!

Zunächst versprach der starre Michel, Tag für Tag ernsthaft zum Wohle der Stadt und ihrer Bewohner zu arbeiten. Recht so, jubelt das Volk, wohl dem, der Arbeit hat, ernsthafte zumal. Doch dann wurde es haarig.

Für Flüchtlinge müssten »Senat und Bezirke jetzt sehr viel mehr Unterkünfte als erwartet bereitstellen.« Na ja, so unerwartet steigt die Zahl nicht an. Der Sozialsenator Czaja rechnete schon im letzten August mit mehr als 10000 für das Jahr. Aber diese Flüchtlinge »heißen wir willkommen und stellen uns den populistischen Strömungen mit ihren einfachen und oft menschenverachtenden Parolen entgegen.« Entgegen der hehren Worte gibt es seit Wochen anhaltende Proteste gegen das Containerdorf in Köpenick, protestieren Hunderte Menschen auf Montagsdemos in Marzahn-Hellersdorf gegen Flüchtlingsunterkünfte. Ein Ergebnis der verfehlten Informationspolitik des Senats. Oder wer ist schuld?

Dann kommt es Knall auf Fall: Der BER muss fertiggestellt, mehr Arbeitsplätze, bezahlbare Wohnungen geschaffen, Schulen saniert und eine leistungsfähige Verwaltung etabliert werden. Hollahodrio, die großen fünf Fragezeichen. Was war denn mit dem bisherigen Senat los, dem der lustige Herr Müller ja auch angehörte? Hat er etwa nicht Tag für Tag das Wohl der Stadt und seiner Bürger, sondern nur das eigene im Auge gehabt?

Wenn es denn nur, wenn auch schlechte, Satire wäre. Man könnte damit leben. Doch es sind die kurzen Beine der Lüge, der Verdrehung und des Weglassens, die uns regieren. Trotz alledem und alledem: Ich wünsche Ihnen ein möglichst friedvolles Jahr 2015.

Der Beitrag ist erschienen in LEIPZIGS NEUE, Ausgabe Januar 2015

Aktualisiert am 8. Januar 2015 LEIPZIGS NEUE • StartseiteKontaktImpressum