Ein schlimmer Flegel

Nachdem sich der Publizist Roger Willemsen 2013 ein Jahr lang durch die Sitzungen des Bundestags gequält hat, bezeichnete er selbigen als »Leichenschauhaus der parlamentarischen Idee« und was darin stattfindet als »Affentheater«. Treffender kann man es kaum ausdrücken.

Einer der maßgeblichen Akteure unter der Berliner Glaskuppel (Sie wissen schon: Dem deutschen Volke etc. pp.), heißt Volker Kauder, seines Zeichens seit 2005 Fraktionsvorsitzender der im Namen christlicher Werte um die Schwarze Frau gescharten Abgeordneten aus Bayern und dem Rest der BRD, die ausschließlich ihrem Gewissen verantwortlich sind. So sie denn eins haben. Davor war er Generalsekretär derselben Truppe und hatte damit als Wadenbeißer seiner Herrin die Lizenz zur lümmelhaften Pöbelei, wie schon weiland Guido Westerwelle (FDP) und Alexander Dobrindt, sowie aktuell Andreas Scheuer (beide CSU). Diesen Ausdruck einer eklatant fehlgeschlagenen Erziehung hat der Volker bis in sein heutiges Amt kultiviert und erhalten. Aufgrund ebenso dummdreister wie rüpelhafter Zwischenrufe im Parlament bezeichnete ihn Willemsen als einen »schlimmen Flegel« auf Bolzplatzniveau. Und das, obwohl das Niveau im Hohen Haus sowieso kaum noch zu unterbieten ist. Zugegeben, beleidigende Zwischenrufe im westdeutschen Bundestag hat es seit jeher gegeben, nur waren sie nicht immer so platt und hilflos wie heute, sondern eher Ausdruck einer gewaltigen Rhetorik, die hin und wieder sogar eine nicht geringe Portion Witz erkennen ließen. Erinnern wir uns an Herbert Wehner, den Großmeister des schmähenden Wortes. Unvergessen seine »Übelkrähe« zu dem CDU-Abgeordneten Wohlrabe oder das gekonnt hingefläzte »Sie Düffeldoffel da« zu Helmut Kohl. Wie armselig dagegen die flachbrüstig daher kommenden Ausbrüche der Hilflosigkeit unserer gewählten Damen und Herren Volksvertreter dieser Tage, die sie sich gegenseitig an ihre mit Gewissen randvoll gestopften Köpfe werfen.

Doch zurück zu unserem heutigen Hauptdarsteller. Wer ist also dieser Flegel aus der ersten Reihe, der da im Bundestag als Volker Kauder sein Wesen treibt? Einmal abgesehen von seinen begrenzten Kenntnissen der hochdeutschen Sprache, die er geschickt hinter ratzelndem Dialekt vernuschelt, fühlt er sich als tiefgläubiger Christ zur Evangelikalen Bewegung hingezogen, die inzwischen auch in Deutschland einen Kreuzzug gegen Emanzipation, Evolutionstheorie, Pornographie, Islam und – natürlich – Homosexualität führt, ganz dem amerikanischen Vorbild entsprechend. Hier hat der Fraktionsvorsitzende Kauder nach eigener Aussage seine Glaubenskraft gefunden.

Ganz dem Jahrhunderte alten Brauchtum jener Institution, die sich christliche Kirche nennt, verpflichtet, führt Kauder die Tradition der Kreuzzüge und des ehrbaren Waffenhandwerks anscheinend nahtlos fort. Beugt er sonntags die Knie in der knorrigen Kirchenbank zur inneren Zwiesprache und Andacht, widmet er sich werktags wohlwollend den Interessen der Waffenschmiede Heckler & Koch, die in seinem Wahlkreis ihren Sitz hat und ganz sicher auch deshalb nicht kleinlich mit ihren Zuwendungen an Volkers Partei ist. Da engagiert sich der Christ in ihm schon mal nachdrücklich für die todbringenden Exporte der Waffenschmiede, als deren »gewichtiger Fürsprecher« (Die Zeit) er gilt. Wir stellen die Waffen ja nur her, was andere dann damit anfangen, darauf haben wir schließlich keinen Einfluss. Alles nur eine Frage des Gewissens. Wo keines ist, kann auch nichts missbraucht werden. Freier Schuss dem Tüchtigen.

Geradezu prophetische Fähigkeiten (oder waren es vielleicht eine mitternächtliche Erscheinung, ein, zwei geweihte Schoppen zuviel?) offenbarte Kauder als er zum Besten gab, »er glaube nicht, dass Kinder sich wünschen, in einer homosexuellen Partnerschaft aufzuwachsen« (Frankfurter Rundschau 2010). Folgerichtig gibt es für ihn auch keine Gleichstellung homosexueller Partnerschaften mit der Ehe, weil es »für uns die Homo-Ehe nicht gibt«. Es kann halt nicht sein, was es für den Volker nicht gibt. So einfach ist das im Schnitzelputz-Oberstübchen des schlimmen Flegels. Es ist wohl so: der Glaube versetzt nicht nur Berge, sondern auch Gehirnmasse.

Nun gut, wenn nur der Volker Kauder damit leben müsste, wäre alles halb so schlimm. Aber wir, wir müssen ihn und seine schrägen Kopfgeburten ertragen, und das ist das eigentlich Desaströse. Moment mal: müssen wir wirklich?

Der Beitrag ist erschienen in LEIPZIGS NEUE, Ausgabe September 2015

Aktualisiert am 11. September 2015 LEIPZIGS NEUE • StartseiteKontaktImpressum