Widerwärtig

Anders als die Überschrift es vermuten lassen könnte, befassen wir uns heute einmal nicht mit Ihro Peinlichkeit im Schloss Bellevue und stellen ihn einfach dahin, wo er hingehört: an den äußersten Rand, dort, wo die Rasenkante sich im Nichts verliert. Auch Großdeutschlands mächtigste Feldhaubitze, die Uschi hinterm Kasernentor mit der Laterne (und steht sie noch davor?), soll hier nicht explizit abgehandelt werden. Zumal die Abschreiberei in ihrer Doktorarbeit nur als »mittelschwer« (?) eingestuft wird und sie damit weit abgeschlagen unter dem Niveau ihrer Parteikollegen Guttenberg und Schavan rangiert. Das allerdings wird sie schon mächtig wurmen.

Nein, wenden wir uns einmal ganz allgemein dieser merkwürdigen Randgruppe unserer Gesellschaft zu, die sich »dem Verschleiern, dem Täuschen, der Niedertracht und der Heuchelei« verschrieben hat und nicht selten in »kriminelle Machenschaften« (konkret 10/15) verstrickt ist: den Politikern.

»Ein Deutscher ist ein Mensch, der keine Lüge aussprechen kann, ohne sie selbst zu glauben«, hat Theodor W. Adorno schon vor mehr als fünfzig Jahren geschrieben. Was natürlich in erster Linie auf die besagte Randgruppe zutrifft, den wahren Meistern der Lüge und verdrehten Halbwahrheiten. »Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort!« Wem diese dreiste Lüge des damaligen Ministerpräsidenten Uwe Barschel vor laufenden Kameras nicht mehr im Ohr klingt, kann sie im Internet gerne nachhören. Es lohnt. Oder nehmen wir das Ehrenwort des Altkanzlers Kohl, das er wem auch immer gegeben haben will und nun als Rechtfertigung für seinen Gesetzesbruch herhalten muss. Und so weiter, und so fort, die Beispiele lassen sich endlos aneinanderreihen.

Die Lüge kommt umso leichter über die Lippen, wenn man dadurch seine Überzeugung nicht verraten muss. Wer keine Überzeugung hat, kann sie auch nicht hintergehen. Frau Merkel ist so ein Fall. Der Kabarettist Max Uthoff (Die Anstalt / ZDF): »Man kann über alles, was sie sagt, Witze machen, Formulierungen schmieden, sie in Grund und Boden stampfen, aber dadurch, dass nahezu alles, was sie sagt, Lüge ist und inhaltslos und leer, sind der Beschäftigung damit Grenzen gesetzt.«

Und als wäre es ein Stück aus dem Tollhaus, platzt in diesen Tagen die Meldung herein, das größte Drecks- und Verbrecherblatt dieser Republik habe Frau Merkel für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen. So findet jeder Topf seinen Deckel.

Zurück zur alltäglichen Widerwärtigkeit. Siegesfeiern bis in den kleinsten Winkel der Republik anlässlich der ersten 25 Jahre der mehr oder weniger friedlich verlaufenen Okkupation. Fernsehen, Rundfunk, Zeitungen, kurz alles, was meint, den herrschenden Irrsinn noch stärker im tumben Untertanenvolk verankern zu müssen, ist voller Jubel, Trubel, Feuerwerk. Da lacht das deutsche Herz, der Kneifer überm gezwirbelten Bart zittert vor Selbstgerechtigkeit. Auch ohne Vatermörder und Gehrock: wir sind wieder wer!

Und erst die Sache mit den Flüchtlingen, die ganze Welt bewundert unsere Willkommenskultur. Und wir, die Deutschen, selbst? Wir kennen keine Parteien mehr, was, beim Erscheinungsbild von CDUCSUSPDGRÜNEN etc. so schwer nun allerdings auch nicht ist. Wenn schon die Grüne Fraktionsvorsitzende Katrin Göring-Eckardt tränenden Auges bekennt: »Ich bin zum ersten Mal uneingeschränkt stolz auf mein Land«, dann wird alles gut. Und die Katrin muss es wissen, schließlich kommt sie aus den annektierten Ostgauen. Da soll's ja jetzt auch uneingeschränkt Bananen geben!

An die wöchentlichen Brandschatzungen hat man sich inzwischen genauso gewöhnt wie an die Hetztiraden von AfD, Pegida und CSU, alles nichts Neues. Der bayerische Finanzminister Söder will sogar das Grundrecht auf Asyl aushebeln und der eingangs schon erwähnte Popanz orakelt über unser weites Herz einerseits, aber die endlichen Möglichkeiten andererseits. Politiker eben, in der Überzahl christliche dazu. Adorno, ick hör dir trapsen.

Zu schlechter Letzt: Die Rechtsextremen sind in Österreich auf dem Vormarsch zu einer der unzähligen Feldherrenhallen. Als hätte er es geahnt schrieb Roda Roda vor langer Zeit »Österreich ist klein, aber mies.« Mag sein, aber die Deutschen sollten nicht aus dem Glashaus heraus urteilen. Deutschland ist zwar nicht klein, aber … (Zutreffendes bitte ergänzen)

Der Beitrag ist erschienen in LEIPZIGS NEUE, Ausgabe Oktober 2015

Aktualisiert am 11. Oktober 2015 LEIPZIGS NEUE • StartseiteKontaktImpressum