Diskretion!

Ich wollte wirklich nicht wissen, wo­für die junge Frau vor mir in der Apo­theke dieses Medikament braucht, das die Apothekerin ihr so schnell – ver­deckt – zugeschoben hatte. Ehrlich! Geht mich ja auch gar nichts an. Ich wollte nur wissen, wie es heißt. Ist so ein Spleen von mir. Interesselose Neu­gier.

Aber ich hatte wohl den Kopf zu weit vorgestreckt. Die Apothekerin schaut mich streng an. »Bitte Abstand halten! Diskretion. Sehen Sie bitte das Schild dort.« Tatsache, das hatte ich übersehen. Nun gut, die werden ihre Gründe haben. Muss ja auch nicht jeder wissen, ob jemand Kopfschmer­zen hat oder schlechten Stuhlgang. Wo kämen wir da hin, wenn jeder von jedem alles weiß und die Daten dann womöglich auch noch speichert. Das machen andere Experten schon zur Genüge.

Anschließend war ich beim Bäcker und habe mich erst mal umgesehen. Der hatte ein solches Schild nicht. Noch nicht. Nun weiß der Mann hin­ter mir in der Reihe, dass ich Weizen­brötchen esse und nicht die von Ge­sundheitsexperten empfohlenen Rog­genbrötchen. Oder ob ich sage: »Ich habe Appetit auf einen Amerikaner. Packen Sie mir mal einen ein«.

Die Sparkasse hat so ein Schild. Richtig! Da geht es um viel Geld. Und womöglich zeigt der vor mir mit dem breiten Rücken der Frau am Schalter gerade versteckt eine Pistole: »Los! Große Scheine einpacken!« Das will ich lieber gar nicht sehen. Diskretion!

Warum hat unsere ausspionierte Angela Merkel ein solches Schild nicht, schön groß, vor dem Fenster ihres Dienstzimmers anbringen las­sen. Das könnten ihre Freunde in der amerikanischen Botschaft, die in Sichtweite gegenüber steht, von dort aus gut lesen: »Bitte Abstand halten! Diskretion«. Vielleicht kennt Angela Merkel solche Schilder gar nicht, weil sie nicht selber in die Apotheke geht. Aber sie wird sich wohl einfach davor scheuen, wo sie doch vor zwei Jahren die Freiheitsmedaille der USA erhalten hat, die höchste zivile Aus­zeichnung des Landes. Freiheit auch für alle, die Informationen sammeln und speichern.

Der Beitrag ist erschienen in LEIPZIGS NEUE, Ausgabe Mai 2014